Das Mädchen, das mit dem Herzen hörte
Es war einmal ein kleines Mädchen. Es trug den Namen Michi und sie hatte langes Haar, das im Wind wehte, wenn sie barfuß über die grünen Wiesen lief. Michi liebte es, draußen in der Natur zu sein, ihre Nase in den Himmel zu stecken, die Wolken zu beobachten, auf Steine zu klettern und über Bäche zu springen. Die meiste Zeit aber verbrachte sie auf dem Bauernhof ihrer Großeltern, denn Michi hatte eine ganz besondere Gabe: Sie konnte mit Tieren sprechen. Zwar sagte ihre Oma immer, dass das Unsinn sei, und dass Menschen nicht mit Hühnern, Kühen und Schweinen reden können, aber das war Michi egal. Natürlich wusste sie, dass Tiere nicht mit dem Mund sprechen, aber dafür mit dem Herzen: Man musste sich einfach nur Zeit nehmen, sich auf den Moment besinnen, das Gegenüber anschauen, tief ein- und ausatmen und ganz genau mit dem Herzen hinhören – und dann passierte es von ganz alleine.
Michi liebte es, mit allen möglichen Lebewesen zu reden, vor allem die alten Bäume hatten eine Menge zu erzählen: Da sie mit ihren mächtigen Wurzeln tief im Erdreich verankert waren, konnten sie von dort unten viel berichten, was den Menschen hier oben verborgen blieb. Durch diese unglaubliche Energie, die von den verschiedenen Lebewesen ausging, fühlte sich Michi wie auf Wolken gebettet. Nachts träumte sie von einem schwarzen Pferd, und dann war dieses außergewöhnliche Gefühl – als ob die Seele anklopfen würde – besonders intensiv. Deshalb wünschte sie sich von ganzem Herzen, irgendwann einmal diesem speziellen Pferd aus ihrem Träumen zu begegnen.
Es verging Tag um Tag, Jahr um Jahr, und aus dem kleinen Mädchen wurde eine junge Frau. Die nächtlichen Träume vom schwarzen Pferd und diesem besonderen Gefühl ließen sie aber nicht los. Eines Tages entdeckte Michi ein Foto von Carl, einem schwarzen Hannoveraner, und plötzlich war es um sie geschehen: Sie hatte nach so langer Zeit endlich ihren Seelenpartner gefunden. Als die beiden sich zum ersten Mal gegenüberstanden, machte sich sofort eine tiefe Verbundenheit breit. Carl erklärte ihr, dass er Michi schon ihr ganzes Leben begleitet habe, aber sie erst jetzt bereit war, von ihm zu lernen. Deshalb musste sie so lange warten, bis sie sich begegnet sind.
In den folgenden Jahren erlebten sie viele Momente der Glückseligkeit. Durch die gemeinsame Arbeit mit Carl wuchs in Michi der Wunsch, diese Seelenfreude weiterzugeben und in den Stall zu holen: Die Idee für das PonyCamp war geboren. Und als Michi dann eine pferdegestützte Kindertherapie – das EMALAMA Raidho Kids Programm – erfolgreich entwickelt hatte, erkannte Carl, dass nun die Zeit gekommen war, Lebewohl zu sagen. Er verabschiedete sich mit einem schwungvollen Nicken von seiner Herde. In seinem Übermut stieß er mit dem Kopf an das Gittergestell des Heuwagens. Der Schwindel ließ seine Beine schwach werden, er stürzte, durchbrach den Holzzaun der Koppel und fiel zu Boden, wo ihn ein Baum auffing. Carl schnaubte zufrieden und gab seine Seele frei, damit sie in den Himmel emporsteigen konnte.
Die Tränen der Trauer wollten bei Michi nicht versiegen, sie verstand die Welt nicht mehr und ihr Herz drohte vor Schmerz zu zerbrechen. Aber Carl beruhigte sie und erklärte, da sie nun ausgelernt habe, hat er seinen Auftrag beendet. Seine Seele sei weitergereist, um an einem anderen Ort den Menschen zu helfen und Kraft zu geben. Sie solle aber weiter mit dem Herzen hören: Denn das Herzenhören ist der Moment, der einen tief im Herzen und der Seele berührt. In dem es keine Sorgen, keine Vergangenheit und keine Ängste gibt. Es existiert nur dieser eine, wundervolle Augenblick und dieser wird in vollen Zügen genossen.
